3. Fachtagung Geburtshilfe

Bericht zur 3. Fachtagung Geburtshilfe «Psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt» vom 22. Januar 2016


Psychische Erkrankungen von Schwangeren und Müttern sind heute in der Schweiz ein wenig beachtetes Gesundheitsproblem – obwohl sie für die Betroffenen und ihre Familien gravierende Konsequenzen haben können. Um die Thematik «Psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt» mit Fachpersonen zu vertiefen, haben das Inselspital, Universitätsklinik für Frauenheilkunde und der Fachbereich Gesundheit der Berner Fachhochschule erstmals in interdisziplinärer Kooperation die 3. Fachtagung Geburtshilfe durchgeführt. Neue Erkenntnisse aus der Forschung wurden ausgetauscht und Anwendungsmöglichkeiten von Behandlungsformen in der Praxis diskutiert.

Die Fachtagung vom 22. Januar 2016 stiess auf grosses Interesse. Unter den rund 360 Teilnehmenden waren Hebammen, Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte, Fachpersonen aus der Mütter- und Väterberatung, der Trauerarbeit, der Sozialarbeit, Psychologinnen und Psychologen, Dozierende, Studierende sowie weitere Fachpersonen. Die Veranstaltung wurde von verschiedenen Firmen und Stiftungen grosszügig unterstützt.

Eingeleitet wurde die 3. Fachtagung Geburtshilfe mit der Eröffnungsrede von Frau Dorothée Eichenberger, Leiterin der Disziplin Geburtshilfe BFH und Mitorganisatorin der Fachtagung. Dorothée Eichenberger betonte, dass die Fachtagung Geburtshilfe unter dem Fokus interprofessioneller und interdisziplinärer Gesundheitsversorgung steht. Weitere Grussbotschaften folgten von Herrn Holger Baumann, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Insel Gruppe AG und Herrn Regierungsrat Dr. med. Philippe Perrenoud, Gesundheits- und Fürsorgedirektor des Kantons Bern. Herr Baumann wies darauf hin, dass viele Facetten des Krankheitsbildes psychisch erkrankter Schwangerer und Mütter thematisiert und mögliche Lösungswege aufgezeigt werden sollten und betonte die Bedeutung der Interdisziplinarität in der Beratung und Behandlung von Betroffenen. Auch Regierungsrat Perrenoud wies darauf hin, dass das Ziel darin bestehen müsse, ein Betreuungskontinuum zu schaffen.

Nationale und internationale Referentinnen und Referenten sprachen in der Folge über die Prävalenz, die Diagnose, über Psychopharmaka und deren Auswirkungen sowie über psychotherapeutische Ansätze. Insbesondere wurde die Versorgungslage im Kanton Bern beleuchtet. Ausserdem wurde ein auf perinatale psychische Störungen ausgerichtetes englisches Curriculum für Hebammen der University of Salfort (GB) vorgestellt.

Früherkennung und Statistiken

Dr. Anke Berger, Dozentin in der Disziplin Geburtshilfe der BFH begeisterte das Publikum mit ihrer Präsentation «Psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt: eine Public Health Perspektive». Gemäss Dr. Berger zeigt die Auswertung nationaler Gesundheitsstatistiken, dass psychische Störungen bei hospitalisierten Schwangeren und bei der Geburt selten erfasst werden. Aus diesem Grund muss davon ausgegangen werden, dass bestehende Gesundheitsstatistiken in der Schweiz im stationären Setting die Problematik unterschätzen.

PD Dr. med. Sibil Tschudin, leitende Ärztin der Frauenklinik des Universitätspitals Basel, präsentierte Möglichkeiten, wie psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft erkannt werden können. Sie betonte, dass antepartale Depressionen einen hohen Risikofaktor für postpartale Depressionen darstellen. Werden psychische Störungen und Belastungen frühzeitig erkannt, können individuell zugeschnittene Behandlungs- und Unterstützungsangebote ungünstige Entwicklungen verhindern oder zumindest verringern. Wichtig ist daher ein systematisches Screening. Hebammen sind für die Früherkennung wichtige Fachpersonen.

Dr. med. Werner Stadlmayr, Leiter der «Geburt und Familie - Praxis» in Aarau, stellte den bindungsorientierten Zugang zur Betreuung in Schwangerschaft und Wochenbett in den Fokus seines Referats. In der Arbeit mit betroffenen Frauen ist ein bio-psycho-soziales Betreuungsmodell notwendig, da es häufig zu einer Somatisierung psychischer Probleme durch betroffene Frauen kommt. Wichtig ist, dass die Frau die Bindung nach Innen (zu sich selbst) und nach Aussen (zur sozialen Umwelt) immer wieder in Passung bringt. Durch Beziehungsgestaltung können somit Anpassungsprozesse gefördert werden.

Entstigmatisierung und engmaschige Betreuung

Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler, Chefärztin und Ordinaria für Psychiatrie, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, thematisierte die Indikationen für Psychopharmaka und Psychotherapie in der Schwangerschaft. Sie betonte, dass eine Behandlung der Erkrankung in jedem Fall erforderlich sei, da sonst schwere, langfristige Konsequenzen nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Ungeborene und die ganze Familie zu befürchten seien. Hier ist jedoch die Behandlung je nach Art und Stärke der Erkrankung abzuwägen. Bei Psychiaterinnen und Psychiatern sollte eine Entstigmatisierung stattfinden. Psychische Erkrankungen sollten gleich und mit derselben Herangehensweise behandelt werden wie somatische Erkrankungen. Wenn psychische Erkrankungen in der Perinatalzeit und vor allem in der Schwangerschaft auftreten, sollte eine supportive Psychotherapie angeboten werden. Wichtig sind ausserdem die Information und der Einbezug der werdenden Mutter und des Partners in alle Entscheidungsprozesse sowie eine gute Kooperation in einem multidisziplinären Team von Gynäkologinnen und Gynäkologen, Psychiaterinnen und Psychiatern sowie Hebammen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Prof. Dr. med. Daniel Surbek, Geschäftsführender Co-Direktor, Ordinarius und Chefarzt Geburtshilfe der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Inselspital und Mitorganisator der 3. Fachtagung, sprach in seinem Referat über pränatalmedizinisch-geburtshilfliche Aspekte der Betreuung von psychisch belasteten Frauen in Schwangerschaft und postpartal. Da psychische Krankheiten und psychische Belastungen den Verlauf der Schwangerschaft und die Entwicklung des Fetus direkt und indirekt beeinflussen, ist es von Bedeutung, dass betroffene Schwangere engmaschig durch Spezialistinnen und Spezialisten betreut werden. Ein optimales Outcome für Mutter und Kind sollte dadurch erreicht werden. Das Betreuungsmodell sollte aus einer engen Zusammenarbeit zwischen Psychiaterinnen und Psychiatern, Psychologinnen und Psychologen sowie Hebammen bestehen. In diesem Vortrag wurden die pathophysiologischen Zusammenhänge dargelegt und die notwendigen prophylaktischen und therapeutischen Interventionen im Management dieser Schwangerschaften besprochen.

Behandlung und Risiken

Dr. med. Wolfang Paulus, Leiter des Instituts für Reproduktionstoxikologie, Krankenhaus St. Elisabeth in Ravensburg (Deutschland) referierte über die mütterliche Therapie mit Psychopharmaka in der Schwangerschaft und der Frage nach Risiken für die kindliche Entwicklung. In diesem Beitrag wurden neue Erkenntnisse – insbesondere zur Behandlung mit Antidepressiva, Neuroleptika und stimmungsstabilisierenden Medikamenten – vorgestellt. Dr. Paulus wies darauf hin, dass die Ergebnisse zur Auswirkungen von Psychopharmaka in der Schwangerschaft meist auf Erkenntnisse zurückgehen, die aufgrund eines versehentlichen Einsatzes von Psychopharmaka durch betroffene Frauen in der Früh-Schwangerschaft gewonnen wurden. Der Referent folgerte, dass Psychopharmaka eingesetzt werden können, jedoch in reduzierter Dosis und dass die Frau gut betreut werden sollte. In ca. 30% können Anpassungsstörungen bei Neugeborenen auftreten. Obwohl Risiken bestehen, überwiegen die Vorteile einer solchen adäquaten Behandlung (mit den richtig ausgewählten Medikamenten und guter Dosierung) in geburtshilflichen Situationen.

Prof. Dr. med. Thomas J. Müller, Chefarzt und stv. Direktor sowie ärztlicher Leiter der Psychiatrischen Poliklinik Bern, erläuterte die aktuelle Versorgungslage im Kanton Bern für Frauen mit psychischen Belastungsstörungen während Schwangerschaft und im Postpartum. In diesem Beitrag zeigte sich, dass es im Kanton Bern für Frauen mit schweren Depressionen oder schweren psychischen Störungen keine geeignete Lösung gibt. Mit ungefähr vier Betten im Kanton Bern mit expliziter Bezeichnung «Mutter-Kind» besteht stationär eine leichte Unterversorgung. Betten für perakute psychische Störungen sind notwendig. Behandlungen in diesen Mutter-Kind-Abteilungen zeigen positive Outcomes. Ziele sollten darin bestehen, mehr Mutter-Kind Behandlungsplätze zu schaffen und ein spezialisiertes stationäres und ambulantes Behandlungsangebot für Mütter mit Kindern (bis max. 1-jährig) zu schaffen. Dabei sollte der Fokus auf der Interaktion (Mutter-Kind) sowie dem Miteinbezug des Vaters liegen. Es sollte einer Entstigmatisierung entgegengewirkt werden und eine interdisziplinäre Behandlung und Vernetzung mit den bestehenden ambulanten Angeboten angestrebt werden.

Die englische Hebamme Jeanne Lythgoe, Msc BA Hons, Dozentin und Supervisorin für Hebammen von der University of Salford (GB) stellte das Curriculum «Perinatal Mental Health» der Universität Salford vor. Dieses einmalige Mastermodul wurde nach extensiver Beratung mit Klinikerinnen und Klinikern und Familien entwickelt. Es sollte eine Expertise aufgebaut werden, die in einem multiprofessionellen Umfeld nicht nur auf die mütterliche, sondern auch auf die kindliche mentale Gesundheit ausgerichtet ist. Die Schulung in perinataler mentaler Gesundheit für Hebammen nach der Diplomierung und eine Basisausbildung in perinataler mentaler Gesundheit im Hebammenstudium ist im Jahr 2015 in Salford gestartet. Das Modul läuft über ein Semester mit Lehrveranstaltungen, die von Expertinnen und Experten gehalten werden, in denen sowohl Theorie als auch Praxis vermittelt wird. Während der Module werden klinische Szenarien dazu genutzt, perinatale mentale Erkrankungen zu erkennen und einzuschätzen. Frau Lythgoe betonte die Wichtigkeit von einer qualitativ hochwertigen, effektiven und einfühlsamen Betreuung. Dies zieht mit sich, dass, die richtigen Leute mit den richtigen Fähigkeiten ausgebildet werden sollten.

Den Abschluss der Fachtagung bildete die Präsentation von Prof. PD. Dr. Eva Cignacco, Leiterin Forschung und Entwicklung Geburtshilfe der BFH und Mitorganisatorin der 3. Fachtagung. Sie stellte das Modul «Maternal Mental Health» an der BFH vor. Frau Prof. Dr. Cignacco betonte, dass Hebammen benötigt werden, die über ein vertieftes Fachwissen zu psychischen Erkrankungen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett verfügen. Es braucht Hebammen mit Masterausbildung, die eine aktive Rolle als «Advanced Practice Midwive» in der interprofessionellen Gesundheitsversorgung betroffener Frauen und ihren Familien wahrnehmen. Ein Master in Midwifery bereitet Hebammen darauf vor, auf die drängenden und aktuellen Gesundheitsfragen in der Geburtshilfe Antworten zu finden. Die Hebammen werden befähigt, in komplexen Situationen, wie beispielsweise bei chronischen Erkrankungen von Schwangeren, eine kompetente Betreuung wahrzunehmen.

Während der Fachtagung hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, sich neues Wissen anzueignen und sich fachlich auszutauschen.

Die Vertiefung in die Thematik zeigt, dass ein qualifiziertes Assessment, beispielsweise in der Schwangerenvorsorge und eine frühzeitige Behandlung die Heilungschancen massgeblich verbessern können. Psychisch erkrankte Schwangere und Mütter sind auf eine lückenlose Versorgung durch alle involvierten Gesundheitsfachpersonen angewiesen, was eine gute interprofessionelle Zusammenarbeit notwendig macht.

In der Evaluation der Teilnehmenden bestätigt sich, dass die Referentinnen und Referenten mit ihren Präsentationen massgeblich dazu beitrugen, dass das Publikum viele neue und wertvolle Inhalte mitnehmen konnte. Die Organisation durch das OK-Team, die Mithilfe der Dozierenden der Disziplin Geburtshilfe und der studentischen Mitarbeitenden sowie die Anwesenheit der Aussteller wurden von den Teilnehmenden gelobt. Die Tagesstruktur, die Räumlichkeiten rund um den Ettore Rossi Hörsaal und insbesondere die ausgezeichnete Verpflegung durch die Inselspital Küche wurden sehr geschätzt. Das Organisationskomitee verdankt die professionelle Moderation durch den wissenschaftlichen Beirat, welche auch von den Anwesenden grossen Beifall erhielt.

Die 4. Fachtagung Geburtshilfe der BFH ist für 2018 geplant. Wir freuen uns darauf, auch dort viele Fachpersonen begrüssen zu dürfen.

Berichte zur dritten Fachtagung Geburtshilfe
In der Deutschen Hebammen Zeitschrift hat Katja Baumgarten folgenden Bericht veröffentlicht: «Das Stigma aufheben!»

PDF's der Referate und Abstracts


Dorothée Eichenberger zur Bonsen
 Eröffnungsrede (Abstract)

Holger Baumann
Grussbotschaft (Abstract)

Regierungsrat Dr. med. Philippe Perrenoud
Grussbotschaft (Abstract)

Dr. Anke Berger
Psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt: eine Public Health Perspektive
PDF des Abstracts
PDF der Präsentation

PD Dr. med. Sibil Tschudin
Erkennung psychischer Erkrankungen in der Schwangerschaft
PDF des Abstracts
PDF der Präsentation

Dr. med. Werner Stadlmayr
Der bindungsorientierte Zugang zur Betreuung in Schwangerschaft und Wochenbett
PDF des Abstracts
Bitte wenden Sie sich bei Interesse und weiteren Informationen zum Referat  an Werner Stadlmayr. Mail

Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler
Indikationen für Psychopharmaka und Psychotherapie in der Schwangerschaft
PDF des Abstracts
Bitte wenden Sie sich bei Interesse und weiteren Informationen zum Referat  an Anita Riecher-Rössler. Mail
Flyer vom Buch: Riecher-Rössler, Anita (2012). Psychische Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit. Basel: Karger

Prof. Dr. med. Daniel Surbek
Pränatalmedizinisch-geburtshilfliche Aspekte der Betreuung von psychisch belasteten Frauen in Schwangerschaft und postpartal
PDF des Abstracts
Bitte wenden Sie sich bei Interesse und weiteren Informationen zum Referat  an Daniel Surbek. Mail

Dr. med. Wolfgang Paulus
Mütterliche Therapie mit Psychopharmaka in der Schwangerschaft – Risiken für die kindliche Entwicklung?
PDF des Abstracts
PDF der Präsentation

Prof. Dr. med. Thomas J. Müller
Aktuelle Versorgungslage im Kt. Bern für Frauen mit psychischen Belastungsstörungen während Schwangerschaft und im Postpartum
PDF des Abstracts
PDF der Präsentation

Jeanne Lythgoe, MSc BA Hons
Das Curriculum «Perinatal Mental Health» an der University of Salford
PDF des Abstracts (englisch)
PDF des Abstracts (deutsch)
PDF der deutschen Präsentation

Prof. PD Dr. Eva Cignacco
Das Modul «Maternal Mental Health» an der Berner Fachhochschule
Bitte wenden Sie sich bei Interesse und weiteren Informationen zum Referat  an Eva Cignacco. Mail

Impressionen der 3. Fachtagung Geburtshilfe

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